Ist Jörg Hartmann ein schöner Mann?

Vor einigen Tagen las ich eine Fernsehkrimi-Rezension in der FAZ (Frankfurter Allgemeine Zeitung, online 24.08.2020). Besprochen wurde eine Folge des Formates: „Landkrimi“. In diesem Zusammenhang der Hinweis, dass die österreichische Schauspielerin Stefanie Reinsperger, im Landkrimi Titelheldin, schon bald das Dortmunder Tatort Ermittlerteam erweitern wird. Bereits schon einmal gelesen, hatte ich versucht, diese Information zu verdrängen, erfolglos. Ich bin ein sehr großer Tatort-Fan und ich bin gebürtige Dortmunderin.

Es ist nicht so, dass ich den Dortmunder Tatort per se großartig finde. Tatsächlich hatte ich so meine Schwierigkeiten mit dem zynischen, überzeichneten Peter Farber, immer haarscharf am Overacting entlang schlitternd und im Lokalkolorit ein Spur zu gefällig. Auch die lebensquengelnde Nora Dalay war manche Folge lang ein echter Stresstest für meine Nerven und Empathie Bereitschaft.

An Martina Bönisch konnte ich mich in jeder Folge uneingeschränkt erfreuen. Mit dem Zugang von Jan Pawlak ins Team hatte ich gar keine Schwierigkeiten, aber was würde nun kommen? 

Wie sehr ist Frau Reinsperger, erfahrene und höchst gelobte Bühnendarstellerin Profi, um alles wienerische tatsächlich auch in Wien zu lassen? Wie an diesen Zeilen unmissverständlich festzustellen ist, bin ich nicht frei von Vorurteilen. In der Biografie der Schauspielerin ist zu lesen, dass sie teilweise in London aufwuchs, das lässt hoffen. Bitte nicht falsch verstehen, ich habe nichts gegen Schauspielerinnen und Schauspieler aus Österreich. Ich bin ein großer Fan des Ermittler-Duos Moritz Eisner und Bibi Fellner. Vielleicht zählen Sie sogar zu meinen Favoriten? Aber ich muss auch erwähnen, ich bin mit der österreichischen Krimi Fernsehserie: „Kottan ermittelt“ aufgewachsen. Wem das noch ein Begriff ist der weiß, was mich an der Konstellation Osterreich-Dortmund etwas nervös macht. Schließlich geht es um Dortmund!

Aber das wollte ich gar nicht erzählen. Beim Lesen der Filmkritik für eben jene Episode: „Das dunkle Paradies“ der Landkrimi-Reihe, kamen in mir Fragen auf, mit denen ich an dieser Stelle nicht gerechnet hatte, ging es nicht um Logik oder Spannung. Zum Ende der Rezension stieß ich auf folgenden Satz: „… Schauspielerinnen wir Reinsperger, die, überaus ausdrucksstark und bewegend, nicht dem gängigen normativen Schönheitsideal entspricht, möchte man außerdem gern öfter sehen…“

Ich musste es tatsächlich nochmals lesen. Was sollte ich mit diesem Satz nur anfangen? Man mag es irritierend finden, dass mich der Umstand besorgt, das eine österreichische Schauspielerin ausgerechnet in dem Tatort ermitteln wird, der in meiner Heimatstadt spielt. Das mag kleinkariert sein. Ein Gedankengang voller Schubladen und Vorurteile. Allein aus meiner persönlichen Befindlichkeit heraus entstanden. Aber es geht um die Außenwirkung der Stadt in ganz Deutschland und darüber hinaus. Sollen die Zuschauer sich fragen: was ist da los in Dortmund? Wer kann dort alles zur Polizei? Bei einer verkörperten Rolle geht es ja um Identifikation und Glaubwürdigkeit. Das drückt sich aus durch die Sprache, die Körperhaltung, die kleine feine Gesten, die Präsenz einer Schauspielerin oder eines Schauspielers. Und ich möchte mich bei Frau Reinsperger schon jetzt entschuldigen, dass ich mit diesen Worten ihre Professionalität in Zweifel ziehe. Vorurteile halt! Und die Sorge darum, dass meine Erwartungen an das Format nicht erfüllt werden.

Die Fettnäpfchen stehen dicht an dicht und sind gut verborgen hinter Erziehung, Gewohnheit und der eigenen Trägheit. Und trotzdem meine Frage: Warum ist es so wichtig zu schreiben, dass eine Schauspielerin in einem Fernseh-Krimi, nicht dem gängigen normativen Schönheitsideal entspricht? Was hat Schönheit mit einem Krimi zu tun? Was hat Schönheit mit der Polizei zu tun? Ist sie ein Einstellungskriterium?

Fragen die Menschen tatsächlich auch bei Männern nach Schönheit? Als Jörg Hartmann, kein gebürtiger Dortmunder, aber mit der Geburtsstadt Hagen für mich ausreichend nah dran, die Rolle des Kommissars Faber übernahm, war in irgendeiner Zeitschrift zu lesen, dass Jörg Hartmann nicht dem gängigen normativen Schönheitsideal entspricht?  

Hat sich irgendjemand darüber ernsthaft Gedanken gemacht, wie schön Jörg Hartmann ist? Und ist Jörg Hartmann ein schöner Mann? Oder ist Jörg Hartmann ein normativ schöner Mann oder ist es eigentlich letztendlich egal? Ist es nur wichtig, dass der Schauspieler Jörg Hartmann einen guten Job macht? Die Zuschauer mitreißt? Aufwühlt, irritiert, verärgert, erschüttert? 

Müssen wir uns jetzt bei der Besetzung von Kommissar-Rollen wirklich fragen, ob es auch optisch passt? In welche Richtung wollen wir gehen? Bei männlichen Schauspielern auf die Schönheit schauen oder es bei Frauen lassen? Blicken wir auf andere Kommissare: Dietmar Bär als Freddy Schenk in Köln. Oder Armin Rohde als Hauptkommissar Erich Bo Erichsen in der Reihe „Nachtschicht“. Durchforste ich die Online-Medien, finde ich keinen Kommentar zu ihrer Schönheit, weder normativ noch nicht normativ. 

Und was bedeutet dieses normativ eigentlich? Laut Definition ein Adjektiv, das einen Maßstab für etwas darstellt, abbilden kann, einer Regel dienend, einer Richtschnur. Ist es nun richtig verstanden, dass damit eben jene Schauspielerin in ihrer Schönheit nicht der Regel dient? Sich mit ihrer Schönheit außerhalb des Maßstabes befindet? Dann Glückwunsch! Aber was ist denn überhaupt der Maßstab für Schönheit? Wenn sich schon jemand die Mühe macht und es für so wichtig erachtet, es in einer Krimi-Rezension zu erwähnen? 

Natürlich bin ich neugierig geworden und habe mir Fotos von Stefanie Reinsperger angeschaut. Da werde ich aber auch nicht viel schlauer. Ich sehe eine schöne Frau. Dass sie über den Maßstab hinaus schön ist, kann ich nicht sagen, da ich mir nicht anmaßen möchte über einen Maßstab nachzudenken oder diesen festzulegen. Dass sie dem Maßstab entspricht, kann ich aus eben oben genannten Gründen auch nicht sagen.

Mein Fazit: In der Krimi-Rezension habe ich eine hohle Phrase gelesen. Eine absolut unnötige Information. Trotzdem bewegt es mich so sehr, dass ich das große Bedürfnis verspürt habe, diesen Blogbeitrag zu schreiben. Einfach weil ich es so langweilig finde und so gestern und so schlechten Stil, dieses Frauen-und-Schönheit-Ding.

Sind wir nicht langsam darüber hinweg? Gibt es nicht wirklich wichtigere Themen? Ja, Stefanie Reinsperger ist eine schöne Frau. Ja, Jörg Hartmann ist ein schöner Mann. Aber was kann der Krimi? Was kann der Film? Was kann die Künstlerin oder der Künstler?

Ich wünsche Frau Reinsperger einen guten Start in Dortmund. Ich wünsche ihr entspannte Dortmunder Zuschauer und ich versichere ihr, dass ich ihrer Professionalität, ihrem Enthusiasmus, ihrem Talent und Können zu 100 % vertraue, und dass sich meine unbestimmte Nervosität nach der ersten Folge sicherlich legen wird.

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