Mit den Worten auf den Friedhof zu den Kuscheltieren!

Am Anfang war das Wort, heißt es in der Bibel. Was bedeutet so ein Wort eigentlich und was kann ein Wort alles anrichten?

Laut Definition ist ein Wort eine selbstständige sprachliche Einheit. Das Wort hat eine eigenständige Bedeutung. Wir ordnen dem jeweiligen Wort eine Bedeutung zu, auf die wir uns kulturhistorisch geeinigt haben. Ein Wort kann ein Gegenstand bezeichnen, ein Gefühl, einen Umstand. In der jeweils uns eigenen Sprache, können wir uns mithilfe des Wortes verständigen. Andere Menschen wissen so, was wir meinen, was wir ausdrucken möchten.

Ist ein Wort erst einmal einem Objekt zugeordnet, können wir dieses Wort benutzen. Wir können einen Text damit schreiben, ein wunderschönes Gedicht verfassen, einen Songtext rappen, es in einen Brief schreiben, der unsere Gefühle zum Ausdruck bringen möchte. Wir können es auf ein Schild malen, um unsere Meinung zu demonstrieren. Wir können mit den Wörtern auch spielen. Sie verfremden, entwenden, sie von dem Objekt, ihrer festgelegten Bedeutung, abstrahieren.

Ein Wort kann auch eine Person beschreiben. Der Schriftsteller Samuel Butler (1835-1902) sagte einmal: „Nicht Worte sollen wir lesen sondern den Menschen, den wir hinter den Worten fühlen“.

Seien wir ehrlich, wie oft finden wir ein Wort für Menschen, die wir kennen. Ein Mensch kann eine Koryphäe, ein Genie, ein Wunderkind sein. Manchmal auch ein Störenfried, ein Heuchler, ein Taugenichts, ein Nichtsnutz, eine Enttäuschung.

Ein großes Möbelunternehmen fand die Vorstellung, dass wenn wir mit vermeintlich negativ besetzten Worten auf Pflanzen einreden, diese schlecht wachsen oder sogar eingehen, so reizvoll, um damit auf das Thema Mobbing aufmerksam zu machen. Man mag sich kaum vorstellen, was Worte für eine Wirkung auf Menschen haben. Wenn kleine Kinder von Anfang an hören, dass sie schlecht sind, dass die Störenfriede sind, dass sie dumm sind, wie entwickeln sie sich dann?

Wie sehr formt das Wort den Menschen? Nehmen wir einmal das Wort „Pet“. Gut, es ist ein Wort aus dem Englischen und es lässt sich übersetzen mit Haustier. Haustiere sind im Allgemeinen Katzen, Hunde, Meerschweinchen, Hasen. Einige Menschen bevorzugen auch exotische Haustiere wie Schlangen oder Spinnen. Wenn ich das Wort Haustier höre, dann taucht allerdings etwas knuddeliges, süßes, flauschiges und felliges vor meinem inneren Auge auf. Jung und unbeholfen. Im besten Fall ein Mitbewohner, den ich umsorgen und versorgen kann. Der mich tröstet und für mich da ist. Der mich nach einem langen Arbeitstag freudig zu Hause empfängt. Der um mein Bein streicht und um Futter bettelt. Den ich anleinen und Gassi führen kann.

Was würde nun passieren, wenn wir das Wort Haustier nicht für ein Tier benutzen würden, sondern für einen Menschen? Wir würden zu einem Menschen immer wieder Haustier sagen. Was würde das mit dem Menschen machen? Wie würdest du dich damit fühlen? Kleine Kinder mögen es, ein kleiner Hund zu sein oder eine Katze. Sie kommen an und wollen kuscheln und manchmal sind sie auch genau so launisch wie eine Katze oder bellen so laut wie ein Hund. Das mag niedlich sein. Das ist nicht böse gemeint. Frisch verliebte Menschen geben sich manchmal Kosenamen, mein kleines Schmusekätzchen, zum Beispiel. Das ist etwas Intimes. Das ist etwas zwischen zwei Menschen, das sich in ihrer Lebenswelt abspielt. Was die Familie und Freunde auch gerne wissen dürfen. Aber es muss nicht für die ganze Öffentlichkeit ersichtlich in einer Zeitschrift stehen.

Was wäre nun, wenn wir über einen langen Zeitraum immer wieder lesen würden, dass erwachsene Menschen als Haustiere bezeichnet werden würden? Würde uns dies nicht komisch vorkommen? Würden wir uns fragen, was das mit diesen Menschen macht?

Das kommt nicht so häufig vor? Das ist mir fremd? Seit 1969 ist es dem Magazin Penthouse zumindest nicht fremd. Bis heute wird jeden Monat eine Frau zum „Pet of the month“ gekürt. Ich wurde im Jahr 1972 geboren. Vom Jahr 1972 bis heute sind das ungefähr 576 Frauen, die öffentlich als Haustier bezeichnet wurden.

Jetzt kann man denken. Was soll’s? Das sind erwachsene Frauen, die wissen worauf sie sich einlassen. Die das Erotik-Magazin als Sprungbrett für eine weitere Karriere nutzen. Natürlich könnte ich jetzt die 576 Frauen recherchieren und schauen, wie sich ihre Karriere entwickelt haben.

Das habe ich nicht gemacht. Ich habe mir das Jahr 1972 angesehen und geschaut, welche Frau im Februar das Haustier des Monats war. Ihr Name war Carole Augustin.

Leider muss ich schreiben, dass es ihr Name war, natürlich immer noch ihr Name ist, aber Carole lebt nicht mehr. Carole Augustin verstarb drei Jahre, nachdem ihre Fotos im Penthouse Magazin veröffentlicht wurden, mit 24 Jahren.

Über ihr Leben ist nicht viel zu erfahren. Sie lebte in London und war Akt-Model für eine Kunstschule. Carole hatte einen Freund, der sie sich ziemlich kontrollierte und ihr verschiedene lukrative Jobs in Erotikmagazinen beschaffte. Carole arbeitete bis sie nicht mehr konnte und nahm sich schließlich das Leben. Nach einer Überdosis Tabletten, starb sie an ihrem eigenen Erbrochenen.

Carole ist nur ein Beispiel, ausgewählt, weil ich durch mein Geburtsjahr und Monat einen Bezug zu ihr aufbauen kann. Sicherlich leben viele dieser Frauen heute ein erfülltes und glückliches Leben. Aber was ist, wenn es nicht so ist? Ich fühle mich irgendwie unwohl dabei, dass eine Frau als Haustier bezeichnet wird und dies seit über 50 Jahren.

Für die kommenden 50 Jahre wünsche ich mir eine Welt, in der dies nicht nötig ist. Für beide Seiten nicht. Nicht für ein Magazin, das Geld erwirtschaften will. Nicht für eine Frau, die ihren Lebensunterhalt bestreiten muss.

Ich fände es angebracht, dass Menschen aufmerksam auf die Worte schauen, die jeden Tag aus ihrem Kopf purzeln. Denn Worte haben eine enorme Kraft. Unbedacht, können sie Menschen zerstören. Aber natürlich kann ein gutes Wort, sorgsam gedacht und ausgewählt, achtsam geformt und ehrlich gesprochen, einem Menschen all das geben, was er zum glücklich sein braucht.

 

Ein Gedanke zu “Mit den Worten auf den Friedhof zu den Kuscheltieren!

  1. Ein Wort muss nicht in Lauten oder Schreibschrift sein. Auch etwa Gehörlose übermitteln Worte und zwar durch Zeichen. Und wenn man nun die Bibel heranzieht: „Am Anfang war das Wort“, dann könnte durchaus eine andere Zeichenfolge, als die des Alphabetes gemeint sein.

    Auch die DNS in unseren Genen, stellt eine Reihe von Informationen dar, wie es Sätze tun. Am Anfang war die DNS, die uns zu dem macht, was wir sind. Am Anfang steht die Erbinformation. Aber frag mich bitte nicht, was zuerst da war, das Huhn oder das Ei: Da bin ich überfordert.

    LG Sven 🙂

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