Kochst du einen Kaffee – oder kannst du das auch nicht…?

Diesen Satz habe ich vor fast 20 Jahren gehört. Der Mann, der ihn zu mir sagte, lächelte dabei und räkelte sich in weißer Bettwäsche wie die reinste Unschuld. Ich nehme an, ich habe den Satz klar gehört, und eigentlich auch gleich verstanden – zumindest mit dem Herzen, aber nicht gleich fix mit dem Verstand. So schnell geht das nämlich nicht. Dass dieser Satz ein Indikator für eine toxische Beziehung war, wie ein Tropfen Säure auf einem Stück Lackmus-Papier, begriff ich erst viele Jahre später. Eigentlich erst, als ich die Geschichten von anderen Frauen gehört habe, denen ähnliches passiert ist.

Frauen, die mir erzählten, dass sie, wie durch einen Donnerschlag gerührt, plötzlich wieder zu Bewusstsein gekommen seien, und sich gefühlt hätten, als stünden sie mitten im Filmset eines alten Hitchcock-Films, zweifelnd an ihrem Erinnerungsvermögen und ihrem gesunden Menschenverstand.
Was diese Frauen erlebt haben, kann aber auch Männern widerfahren. Jeder Mensch kann das erleben, im Beruf, in der Familie, in jeder Konstellation zwischen Mutter, Vater, Tochter oder Sohn. Das Phänomen ist unabhängig von Geschlecht, sexueller Präferenz, Alter, oder dem ethnischen und sozialen Umfeld. Eine nicht unwichtige Komponente ist dabei allerdings, dass einer der Beziehungspartner narzisstischste Tendenzen hat. Das Phänomen hat einen Namen: „Gaslighting“. Das ist die Zusammensetzung der englischen Wörter „gas“ und „lighting“, und lässt sich mit Gasbeleuchtung übersetzen. Woher dieser Begriff stammt, konnte ich nicht sicher herausfinden. Vielleicht geht er auf das Theaterstück „Gaslight“ von Patrick Hamilton aus dem Jahr 1938 zurück. Aber vielleicht wurde dieses Wort für das Phänomen auch nur gewählt, weil es an die gespenstische Atmosphäre der diffusen Lichtverhältnisse erinnert, in die man bei einer Gasbeleuchtung gerät.

„Gaslighting“ bezeichnet die psychische, emotionale oder manipulierende Gewalt in einer Beziehung. Ziel ist es dabei, den anderen Menschen in einer Partnerschaft oder einem anderen Beziehungsverhältnis zu verunsichern, herabzuwürdigen, das Selbstbewusstsein zu deformieren und es schlussendlich gänzlich zu vernichten. Manchmal kommt es auch zu körperlicher Gewalt. Oder zu Provokationen, die Gewalthandlungen hervorrufen, für die man sich dann doppelt schuldig fühlt. Es mag die zerborstene Glasscheibe einer Wohnungstür sein, auf die man in lauter Verzweiflung eingeschlagen hat, weil man ausgesperrt wurde und der Partner einen nicht mehr in die Wohnung lässt. Oder der zerbrochene Kuchenteller, da mal wieder an den Backkünsten herumgenörgelt wurde – dies gern auch vor Freunden auf der eigenen Geburtstagsparty. Denn ein Teil von einem selbst will sich einfach nicht an die Herabsetzung oder die Kompromittierung in der Öffentlichkeit gewöhnen. Dies ist dann auch der Teil, der einen verwirrt innenhalten lässt, wenn der Partner später sagt: „Das war doch alles deine Schuld“, oder auch: „Du hast doch damit angefangen!“ Der Zweifel an der eigenen Wahrnehmung wächst. Und im schlimmsten Fall treibt er einen Menschen in den Wahnsinn. Das Phänomen bot bereits den Stoff für zahlreiche schwarz-weiß-Verfilmungen. Und es wurde bereits davor und danach vielfältig in der Literatur verarbeitet. Oftmals als die „große zerstörerische Liebe“, wie zum Beispiel in Daphne du Mauriers Klassiker „Rebecca“. Die große, einmalige Liebe, die Liebe voller Leidenschaft, ist sicherlich ein kluger Trick, um das Toxische, das Verzweifelte und das Leid zu kaschieren. Denn mit Liebe hat Gaslighting gar nichts zu tun. Und doch beginnen gerade solche Beziehungen oft fulminant, wie die Liebesgeschichten in einem Hollywood Film. Der Gaslightende überhäuft sein Gegenüber mit Aufmerksamkeit, Komplimenten, Blumen und Geschenken. Kein Weg scheint zu weit, kein Restaurantbesuch zu teuer, keine Idee verrückt genug. Nächtliche Anrufe, um zu beweisen, dass man an den anderen denkt. Romantische Wochenenden, die ausschließlich für den Partner reserviert werden. Dass es sich dabei um Kontrollmechanismen und die Abschottung vom bestehenden Freundeskreis handelt, sieht man durch die rosarote Brille nicht. Der Prozess des Gaslightings ist schleichend. Erst wird das Bauchgefühl gestört, dann das Vertrauen in die eigene Handlungskompetenz angegriffen. Der missbrauchende Partner hat in aller Regel viel Geduld. Für ihn hat ein Spiel begonnen – und er genießt es, wenn der andere erst die Schuld bei sich sucht, dann vielleicht sogar einen Therapeuten aufsucht, um an der eigenen, gestörten Beziehungsfähigkeit zu arbeiten. Vielleicht trifft das Gaslighting öfter Frauen oder Menschen, die sich in klassischen Frauenrollen befinden. Also den Teil der Partnerschaft, der auf Harmonie bedacht ist, der dem anderen mehr gefallen möchte, für den Bestätigung und Zuneigung existenziell sind. Dabei verliert sich der Liebende, der sich Sehnende von Tag zu Tag mehr. Irgendwann erkennt er sich dann nicht mehr in seinem Spiegelbild wider. Irgendwann ist er so müde und so tief verletzt, so beschämt und durcheinander, dass ihm Mut und Kraft fehlen, sich selbst und seinen Freunden und seiner Familie einzugestehen, dass er nicht glücklich geliebt wird. Das alles, was anfangs so perfekt, schön und besonders zu sein schien, nur eine Illusion war. Ein flackerndes Gaslicht. Und dass man es nicht geschafft hat, die Flamme zu löschen.

Vielleicht hilft es, über das Thema zu sprechen, um es zu erkennen. Und vielleicht sollten wir den Mut haben, unsere Freunde, unsere Kindern oder Eltern doch einmal mehr zu fragen: Wie geht es dir in deiner Liebe eigentlich? Zuzuhören, erzählen zu lassen und hinter die Kulissen zu blicken. Mit Interesse, nicht mit Sensationslust oder gespielter Zuneigung. Es gibt viele dort draußen, die durch eine Zeit des Gaslighting mussten. Bevor sie ihren Glauben an die Liebe unwiderruflich verlieren, sollten wir ihnen helfen, das Licht zu löschen.

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