Die Ästhetik des Schwans

An einem tristen Tag aus dem Lärm, aus den blinkenden Großstadtlichtern, der mit Abgasen und Imbissdüften durchdrungenen Luft für einen Moment zu entfliehen – einen Wunsch, den viele nachvollziehen können. Etwas anderes sehen als überfüllte Mülleimer, übel gelaunte Gesichter und triste schwarze Winterjacken.

Jetzt auf einer Parkbank sitzen. Etwas Sonnenlicht, das auf der Nase kitzelt. Vogelgezwitscher im Hintergrund und den Blick auf einen See gerichtet, über den ein wunderschönes Schwanenpaar gleitet. Anmutig, fast schwebend, die Hälse elegant gebogen, die Zeichnung von Schnabel und Auge einem Kunstwerk gleich.

Ich erinnere mich so etwas Ähnliches an einem anderen Ort gesehen zu haben. Nicht in einem Park. Sondern in einer holzgetäfelten Opern-Loge, auf eleganten Stühlen sitzend und den Blick auf eine Bühne gerichtet. Es war in der Deutschen Oper in Berlin. Die Tänzerinnen und Tänzer des Staatsballetts schienen über die Bühne zu schweben als wäre sie aus Eis. Sie tanzten Dornröschen. Ästhetik in Vollendung. Bis in die gestreckten Fingerspitzen hinein, bis in jedes einzelne Haar, ja, in jede einzelne Wimpernspitze reichend.

Doch ich erinnere mich auch an ein anderes Bild. Ich ging einen Weg entlang und kreuzte unabsichtlicher Weise das Revier eines Schwanenweibchens. Das Tier reckte mir den langen Hals entgegen, riss den Schnabel auf und fauchte in meine Richtung. Die Flügel weit aufgespannt und sehr selbstbewusst brachte es mich zum Anhalten. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich sogar die Luft anhielt. Dieser Schwan vor mir war extrem eindrucksvoll. Er hatte einen massiven, muskulösen Körper. Die Flügel auf fast 2,40 Meter gespannt, strahlte er eine mehr als beeindruckende Kraft aus.

Im letzten Herbst schloss nun auch das entsprechende Bild aus der Menschenwelt an. Ich erlebte eine Tanzaufführung in einem kleinen Saal, in dem es keine Bühne gab. Zwei Tänzer in einem Duett, mussten in der Mitte des Raums ihren Platz finden. Sie tanzten ganz dicht am Publikum, sogar durch das Publikum hindurch. Noch nie hatte ich Balletttänzer so nahe erlebt.

Und ähnlich wie bei den Schwänen, die auf dem Wasser diese unbeschreibliche Leichtigkeit und Eleganz ausstrahlen, stellte sich zu den Tänzern ein weiteres Bild. Angespannte Muskelfasern, Schweißperlen, die sich auf der Haut sammeln, eine wilde, unbestimmte Kraft und eine große Anstrengung bei jedem Heben des Körpers auf die einzelne Fußspitze, aus eigener Muskelkraft. Welch eine Willensanstrengung und Körperbeherrschung liegt in diesem einen Moment. Die Augen der Balletttänzerin in voller Konzentration unter grotesk langen Kunstwimpern. Dies war kein Schweben, dies war kein Gleiten, dies war kraftvolle Lebendigkeit.

Die Balletttänzerin, die ich sehen durfte, heißt Jessica Sarah Larbig. Sie tanzt seit sie laufen kann, hat sie mir erzählt. Mit 5 Jahren bekam sie den ersten Unterricht. Mit elf Jahren wechselte sie an eine professionelle Akademie und trainiert seitdem täglich. Und ein Jahr später begann sie Spitze zu tanzen. Sie hat auf vielen Bühnen der Welt getanzt und war in Peking die Odette/Odile im Schwanensee. Die große Rolle. Der große Traum als Solistin auf der Bühne zu stehen. Mittlerweile ist sie älter geworden und hat ungezählte Schuhe zertanzt. Geschätzte 50 Paar pro Jahr. Und ungefähr 60 Tage des Jahres hat sie auf ihren Zehenspitzen verbracht. So viel Kraft und so viel Schmerz und Tränen und Anstrengung, die in der Jugend leichter fiel. Einige Künstler sagen, es geht nur bis 40 auf der Bühne, dann ist Schluss.

Manchmal da tappe ich in eine Falle. Da verwechsle ich Ästhetik mit Makellosigkeit, mit Leichtigkeit und Unbeschwertheit. Mit Perfektion, mit Jugend und Schönheit. Aber das Wort kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet Wahrnehmung oder Empfindung.

Heute unterrichtet Jessica Sarah Larbig Nachwuchstalente und gibt ihr Wissen weiter. Und immer wieder geht sie mit ihrem Tanzpartner und Ehemann Sören Niewelt in Krankenhäuser oder Hospize, um dort für die Menschen zu tanzen. Orte, die viele Menschen als unangenehm empfinden. Orte, die Menschen nicht ästhetisch finden. Sie sagt, dort fühle es sich oft an wie ein Puzzle, das man gerade fertig hat, aber das letzte Teil fehlt. Man hat viel mit den Umständen, den Gegebenheiten des Raumes zu kämpfen, man versucht, alle Schritte so korrekt wie möglich auszuführen. Und hat Sorge, dass die Vorführung für das Publikum nicht perfekt genug war. Denn Ballett ist ja ein wenig wie Verzaubern. Das Publikum vergessen machen und mit Schönheit beschenken. Aber dann manchmal, sagt sie, ist es perfekt. Dann fühlt es sich an wie ein Überschäumen. Wie wenn du jemanden so extrem lieb hast, dass es wehtut. Dann ist man als Tänzer das Sprachrohr der genialen Göttlichkeit.

Wenn der Ort ein Widerspruch ist, ist die Ästhetik vielleicht am größten? Entfachen Empfindung und Wahrnehmung der Umgebung das Erleben um so mehr? Setzen sich Kraft und Willen gegen Harmonie und Gefälligkeit durch? Die Realität ist müde und fragil, sie ist schmerzvoll und enttäuschend. Ich stelle es mir ein wenig so vor wie Antoine de Saint-Exupéry es im „Kleinen Prinzen“ geschrieben hat: man sieht nur mit dem Herzen gut. Vielleicht gilt das auch für den ganzen Körper, der in der Bewegung und in dem Bestreben, sich aus sich selbst heraus in diesem einen Kraftakt auf die Zehenspitze und über sich selbst und alle Umstände zu erheben, jeden noch so harten Augenblick der Wirklichkeit mit Schönheit zu füllen vermag.

Danke an Jessica Sarah Larbig für das Gespräch und das Foto-Shooting.

Alle Fotos auf Instagram: melanie_hoessel

 

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