Dein Freitag muss nicht schwarz sein

Vor einiger Zeit lernte ich Wiebke Lövenforst kennen. Ihre energiegeladene und positive Ausstrahlung zog mich sofort in den Bann. Wir kamen schnell in ein inspirierendes Gespräch. Vor allem, als sie mir erzählte, womit sie dieses Jahr verbracht hat. Oder besser gesagt, nicht verbracht hat…

Liebe Wiebke, du kommst gebürtig aus Düsseldorf und wenn ich an Düsseldorf denke, fällt mir irgendwann die Königsallee ein, mit einer ganzen Reihe toller Geschäfte mit wundervoller Kleidung, die heute, am Black Friday, sicherlich viele Menschen anlockt – dich lässt das kalt, oder?

Ja, ich bin Düsseldorferin und der Liebe wegen in Korschenbroich gelandet! Und ja, Schaufensterauslagen beeindrucken mich nicht besonders.

Du gehst also nicht so gerne shoppen?

Nein – nur wenn es sich nicht vermeiden lässt. Und in diesem Jahr habe ich sogar ein Shopping-Fasten gemacht. Zumindest was Bekleidung angeht.

Das würde mir sicher schwer fallen. Liegt das vielleicht auch daran, dass du von Berufswegen all die Tricks kennst, mit denen die Verkaufsbranche arbeitet?

Naja, vielleicht ein wenig. Ich bin Beraterin in einer Werbeagentur. Das ist mein Alltagsjob. Und ich mache ihn sehr gerne. Aber ich arbeite dort nicht bei den Kreativen. Ich hänge also jeden Morgen meine eigene Kreativität an die Garderobe und nehme sie am Abend und am Wochenende wieder mit nach Hause….

Und da kannst du dich ihr dann voll und ganz widmen?

Zum Glück ja. Und die Kreativität liegt bei uns in der Familie. Die Frauen, mit denen ich meine Kindheit verbracht habe, waren alle handwerklich sehr begabt. Wir haben gestrickt und genäht, aber auch Handwerksarbeiten erledigt. Nicht nur so Mädchensachen. Dazu kommt, dass ich schließlich auch noch Pfadfinderin bin. Da lernt man, praktische Lösungen für konkrete Probleme zu finden.

Woher kommt denn dabei deine Motivation, auf das Shoppen zu verzichten?

Ich war schon immer lieber aktiv und habe selbst etwas gemacht, als nur ein Kosument zu sein – ein Verbraucher. Und als ich etwa Mitte zwanzig war, brach auch noch die Do-it-yourtself-Welle über die Gesellschaft herein. Damals habe ich mit einem Arbeitskollegen einen Blog ins Leben gerufen und ein Magazin gegründet, das Eigenwerk-Magazin. Dabei haben wir wirklich alles ausprobiert, was man selber machen konnte. Aber vielleicht haben wir es übertrieben. Denn irgendwann schlug das dann um, und ich habe die Motivation verloren.

Weißt du heute, woran das lag?

Heute denke ich, dass ich irgendwann nur noch Sachen gemacht habe, die wir für das Magazin brauchten. Und nicht mehr die Dinge, die mit mir zu tun hatten. Etwas, das einen wirklichen Bezug zu mir hat. Das ging soweit, dass ich Dinge für die nächste Ausgabe hergestellt habe, um sie danach achtlos wegzuschmeißen. Da wusste ich, dass es so nicht weitergeht.

Und jetzt hast Du einen neuen Weg gefunden?

Ja, aber dafür musste ich wieder an den Anfang zurück. Und so bin ich wieder bei dem gelandet, was ich schon als Kind gemacht hatte – dem Nähen. Und von da aus war es ein ganz kurzer Weg, meine eigene Kleidung zu nähen. Das hatte nicht nur ganz viel mit mir zu tun, sondern die konnte ich darüber hinaus auch noch in meinem Alltag brauchen.

Dazu gehört aber auch Mut seine eigenen Kleidung zu entwerfen und herzustellen und sie dann in der Öffentlichkeit zu tragen.

Ich hatte auch großen Respekt davor. Und was wäre, wenn es nicht passen würde, was ich mache. All die Arbeit wäre dann umsonst. Das wäre doch total frustrierend. Aber zum Glück war es dann nicht so. Ich zog das erste selbst genähte Kleidungsstück an, stand vor dem Spiegel und es war so eine unfassbare Belohnung. Ich war total stolz.

Es kostet doch sicher sehr viel Zeit, seine Sachen selber zu nähen?

Das kommt darauf an. Für ein Shirt brauche ich vielleicht einen Nachmittag. Und oft habe ich auch an den Wochenenden Zeit. Leider habe ich nur eine einfach Nähmaschine, keine Overlock-Nähmaschine. Damit würde es schneller gehen.

Was denkst Du denn, wenn du durch die Innenstadt oder ein Shopping-Center gehst, und dort T-Shirts für 3 Euro siehst?

Im Grunde ist das unfassbar. Und das kann einfach nicht richtig sein. Wer hat das gemacht? Warum kann das so günstig sein? Das wurde für mich so schlimm, dass ich irgendwann kaum noch in Bekleidungsgeschäfte gegangen bin. Und dann habe ich mich entschlossen, ein shoppingfreies Jahr einzulegen. Im Januar 2018 habe ich angefangen. Es ist also fast rum.

 Wie hast du das in diesem Jahr gemacht?

Ich habe versucht, nur das nötigste zu kaufen. Und vor allem keine Oberbekleidung. Ich wollte mir durch den Verzicht mein eigenen Kosumverhalten bewusst machen. Und dann erinnere ich mich besonders an einen Moment vor dem Spiegel zurück. Auf einmal stellte ich mir die Frage: Was ist dein ganz eigener Stil? Kann ich den eigentlich shoppen? Oder gehört mehr dazu?

Du hast aber nicht angefangen, wie verrückt zu nähen, um Deinen Konsum auszugleichen?

Nein. Erst mal habe ich meinen Kleiderschrank durchforstet. Denn ganz ehrlich: Wir brauchen eigentlich gar nichts mehr! Es ist doch alles da. Und eigentlich müsste ich auch nicht wirklich etwas Neues nähen. Stattdessen kann man anfangen, nachzudenken, auszuprobieren und zu kombinieren. Das ist wie eine Fitness-Übung für die eigene Kreativität. Und dann merkt man, wie viel man eigentlich noch aufbrauchen kann, was man alles sehr schön und einfach reparieren und ausbessern kann. Das hat mich so beschäftigt und so viel Spaß gemacht, dass ich mein erstes neues Kleidungsstück erst im Juni genäht habe. Nach fast einem halben Jahr.

Wie hast Du es geschafft, dich nicht von der Werbung, von Modemagazinen oder der Schaufensterwerbung verführen zu lassen?

Naja, wenn sich der Blick einmal verändert hat, findet man gar nicht mehr so toll, was man so sieht. So ist es mir jedenfalls ergangen. Ich glaube, viele Frauen wissen gar nicht wirklich, was ihnen gefällt. Sie glauben, Dinge müssten ihnen gefallen, weil sie gerade in Mode sind. Was Mode ist, sieht man in den Newslettern, Modezeitschriften, im Fernsehen… Aber das alles ist ja gar nicht das, was zu der einzelnen Frau und ihrem ganz eigenen Stil passt. Es ist das, was die Konzerne gerade verkaufen. Und wenn ich durch die Stadt gehe, und dabei die jungen Frauen sehe, dann sehen viele doch sehr gleich aus – fast, als würden sie eine Uniform tragen. Wo bleibt da die Individualität? Der eigene Stil?

Aber was kann man denn machen, wenn man nicht die Zeit oder das handwerkliche Geschick hat, sich seine Sachen selbst zu nähen?

Na, dann wird man einfach anders kreativ! Man kann zum Beispiel nach guter, zeitloser Kleidung schauen – und dann individualisiert man sie. Man gibt ihr einen eigenen Stil. Dabei kann man klein anfangen und erst mal neu kombinieren, was schon da ist. Oder man nimmt eine kaputte Jeans – die kann man ganz wunderbar flicken und dabei verzieren…

Hast du noch mehr Tipps für Menschen wie mich, die den Werbeversprechen noch nicht so gut wiederstehen können und gleichzeitig zwei linke Hände haben?

Stell dir ein paar einfache aber wichtige Fragen: Was gefällt mir überhaupt? Was brauche ich wirklich? Aus welchen Gründen gehe ich eigentlich shoppen? Ist das mein Hobby…? Eine Belohnung…? Und dann gelten da auch noch die gleichen Grundregeln wie beim Lebensmitteleinkauf: Gehe nie hungrig einkaufen! Mach dir vorher Gedanken, was du brauchst! Nimm einen Einkaufszettel mit! Das funktioniert genauso beim Kleiderkauf. Nur heißt es hier: Gehe nie unglücklich shoppen!

IMG_2351.JPGWenn ihr mehr über Wiebke wissen wollt, dann besucht doch einfach ihren Blog: DRINNENUNDDRAUSSENBLOG.COM

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