Die Explicitation der Emanzipation

Als ich ein junges Mädchen war, sagte meine Großmutter öfters zu mir: „So etwas macht eine feine Dame aber nicht“. Damit meinte sie Dinge wie: zu laut reden, zu knapp bekleidet das Haus verlassen, mit gespreizten Beinen auf dem Sofa sitzen, Schimpfwörter benutzen.

Ich erinnere mich, dass ich freudig in der fünften Klasse zu meiner Großmutter zum Mittagessen kam und überschwänglich aber stolz des neuen Wortes, das ich an diesem Tag gelernte hatte, nach dem Essen sagte: „Das hat aber echt geil geschmeckt“.

Meine Großmutter entging daraufhin nur knapp ihrem zweiten Herzinfarkt. Den ersten hatte sie bei einem Black Jack Turnier in einer Spielbank in Baden-Baden erlitten. Ich hielt meine Großmutter immer für eine sehr emanzipierte Frau. Aber es gab eine Grenze, die nicht überschritten werden durfte. Dies war die Grenze der „Feinen Dame“. Es gab einfach eine Reihe von Verhaltensmustern, die man sich als Mädchen, einfach nicht aneignete. So war das nun einmal.

Dies alles zu einer Zeit, als die ersten Musik-Videos von Madonna über den Bildschirm liefen. In romantischer Kulisse, in weiße Spitzen gehüllt, trällerte Madonna „Like a Virgin“. Ich verstand sicherlich nicht den ganzen Text und auch nicht die Bedeutung ihrer Worte, nahm aber einen Ausdruck in ihren Augen wahr, der nicht zu der restlichen Kulisse passen wollte.

Ein bis zwei Jahre später erlag ich dann dem Sog des Großstadt Programm-Kinos. So landete ich viel zu jung in der ersten Vorstellung des Filmes „Blue Velvet“ des Regisseurs David Lynch, u.a. mit Dennis Hopper und Isabella Rossellini in den Hauptrollen.

Es blieb nicht bei dem einen Abend. Mit fest in den roten Plüsch des Kinosessels gekrallten Fingern, begab ich mich auf eine spektakuläre Achterbahnfahrt. Abend für Abend, fasziniert von der dunklen und poetischen Bildsprache Lynchs, der großen Magie der Erzählung und der Schönheit von Isabella Rossellini, klopfte mein Herz unaufhaltsam und meine Wangen glühten wie verbranntes Glas, sobald Dennis Hopper in der Rolle des Frank Booth auf der Leinwand zu sehen war. Ich verstand sicherlich nicht viel von dem, was sich zwischen den Beiden abspielte und es war auch eine ganz andere Sache, die mich in diesem Schockzustand hielt. Frank Booth sagte immer dieses eine F-Wort. Durfte das sein? Durfte Frank Booth über diese Grenze gehen? Unabhängig davon was er mit Dorothy machte, warum durfte er dieses Wort sagen, das man nicht sagen darf? Und die unausweichliche Frage, die sich der ersten anschloss war: durfte er es, weil er ein Mann war?

Die Zeit verging. Madonna lebte in ihr und mit mir. Sie tanzte in Kirchen, küsste Frauen, führte Männer als Domina über die Bühne, adoptierte alleinstehend Kinder und zeigte dem Publikum den Stinkefinger. Man gewöhnt sich an all diese Bilder. Aber erst 32 Jahre nach Blue Velvet erlebte ich einen ähnlichen Moment wie damals im Kinosessel.

Durch Zufall landete ich auf der Internetseite von YouTube bei dem Video „Barbie Dreams“ von Nicki Minaj. Nicki Minaj! Die lebendig gewordene Verkörperung der Venus von Willendorf. Nur irgendwie mit weniger Natur und mehr Kunststoff. Nicki Minaj, ein Funken sprühender Vulkan und zugleich eine Karikatur der Weiblichkeit. Eine Frau mit so viel Körper und Haar und Worten, dass es immer zu viel erscheint, immer ein wenig überfordert.

In ihrem Lied „Barbie Dreams“ höre ich das spezielle F-Wort in ähnlicher Häufigkeit wie es damals Dennis Hopper in der Rolle von Frank Booth sagte. Neugierig lese ich den Text des Rap-Songs. In dem Song geht es um die Männer, mit denen die Sängerin Sex hatte und um die, die mit ihr Sex haben wollten und sie teilt ein wenig aus, wie es in Rap-Songs nicht unüblich ist. Aber was macht Nicki noch? Was ist so anders bei ihrem Umgang mit dem Wort?

Frank Booth musste um „auf Touren zu kommen“ seltsames Gas durch eine Atemmaske einatmen. David Lynch hat seinen Film abstrahiert, er hat ihn künstlich gemacht, mit Symbolik aufgeladen, um eine Szenerie zu schaffen, in dem das Ungesagte, das Bedrohliche in die Idylle eindringen kann. Auch Nicki Minaj bedient sich der Künstlichkeit, kleidet sich in schrille Farbe, trägt buntes Haar. Man könnte annehmen, so sehr unterscheiden sich die beide Interpretationen gar nicht voneinander. Aber reicht es, wenn man als Frau wie ein Mann agiert? Und macht sie das wirklich? Nicki Minaj lacht in dem Video über die Männer und ein wenig immer auch über sich selbst. Das ist sehr intelligent und schlau noch dazu. Ich habe den Eindruck, sie nimmt sich selbst nicht immer ganz so wichtig. Und bei ihr klingt das F-Wort eher beiläufig, ja geradezu banal. Als würde sie von ihrem Fitnessplan berichten oder den Mahlzeiten, die sie in der Woche gegessen hat. Sie nimmt irgendwie die Aufladung, die Deutungshoheit aus dem Wort und führt es in die Ursprünglichkeit, ja in die Banalität zurück. Damit nimmt sie ihm ein Stück weit seinen Reiz. Ich frage mich wie mein Großmutter Nicki finden würde. In gewisser Weise sind beide ähnlich konservativ. Und sie scheinen beide die Bedeutung einer Grenze erkennen zu können. Eine Grenze braucht für ihre Wirksamkeit halt immer auch die Vereinbarung der Gesellschaft.

Texte von Nicki Minaj sind oft in roter Schrift mit dem Hinweis explizit gekennzeichnet. Explizit bedeutet ausdrücklich und bei künstlerischen Inhalten weist die Kennzeichnung auf eine mögliche Jugendgefährdung hin. Dank meiner Großmutter und Nicki Minaj fühle ich mich in diesem Fall eher nicht gefährdet. Grenzen sind Vereinbarungen, die Gesellschaften beschließen. Und Emanzipation bedeutet eine Befreiung aus der Abhängigkeit, auch der von Grenzvereinbarung. Dies gefährdet natürlich immer die Menschen, die Grenzen vereinbart haben. Auch wenn es Männer sind.

 

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