Wenn nichts mehr einen Wert hat, bekommt es seinen Preis

Vor einiger Zeit sah ich auf Instagram ein Foto von Kim Kardashian. Ich habe bisher keine Folge der Serie: „Keeping Up with the Kardashians“ gesehen und doch folge ich allen Frauen der Familie in den Sozialen Medien. Die Familie Kardashian lernte ich in der Serie „The people vs. O.J. Simpson“ kennen. Die Serie dreht sich um den Mord an Nicole Brown, die zu diesem Zeitpunkt, von dem US-American-Football-Spieler und Schauspieler O.J. Simpson, geschiedene Ehefrau. Sie und ein Freund wurden 1994 brutal ermordet und O.J. geriet schnell als Täter unter Verdacht. Die Serie befasst sich mit seiner Schuldfrage und Verteidigung, Rassismus, Polizeigewalt, Eitelkeit und Eigennutz in den Schlupflöchern des Rechtssystems. Robert Kardashian, der Vater von Kim Kardashian, war ein guter Freund Simpsons und einer seiner Verteidiger vor Gericht. In der Serie gewinnt man einen ersten Einblick in das Leben der Familie Kardashian und einen kurzen Blick auf die drei Töchter Roberts Kourtney, Kimberley und Khloé, die damals noch Kinder waren. Dieser kurze Blick reichte, mich für das Medienphänomen der Kardashian Frauen näher zu interessieren.

Und so landete eines Morgens ein Foto von Kim in meiner Instagram Timeline. Darauf zu sehen Kim, die nur mit einem grauen Bustier und Pants bekleidet, mit kunstvoll übereinander geschlagenen Beinen, den schmalen Grad zur Pornografie wahrend, konzentriert in ihr Handy blickte, mit dem sie wohl vor einer Spiegelwand dieses Selfie schoss. Im Hintergrund eine Kleiderstange mit Anziehsachen farblich sortiert in Hellbeige-, Nude- und Grautönen, abgestimmt auf ihren dezent schimmernden Hautton und den Ton ihrer Unterwäsche aufgreifend. Darunter die Frage: Hmmm, what should i wear tonight?

Sicherlich zeigt dieses Foto nicht ihre komplette Kleiderkammer sondern nur einen, bewusst für den entsprechenden Grund ihrer Selbstinszenierung ausgewählten Ausschnitt. Meine Kleider müssen sich mit circa 80cm eines IKEA Schrankes begnügen, rechts daneben, hinter der anderen Schiebetür, ein Hängeregal, vollgestopft mit diversen Kleinigkeiten. Eine farbliche Sortierung würde wenig Sinn machen, bin ich schon froh, wenn ich es schaffe, T-Shirt- und Sockenknubbel auseinander zu halten.

Aber das mag damit zusammenhängen, dass es mir nicht so wichtig ist. Dass sich meine Kleiderauswahl auf ein schwarzes Oberteil zu einer schwarzen bequemen Hose beschränkt, die ich nach dem Tragen und wenn ich sie noch für ausreichend frisch halte, einfach auf die Heizung lege, um sie am nächsten Morgen wieder anzuziehen. Ja, damit mache ich mir die Auswahl sehr einfach. Zeitmangel, mangelndes Interesse, oder auch eingeschränkte finanzielle Möglichkeiten mögen zu dieser Verhaltensweise geführt haben.

Bei Kim Kardashian liegt es meines Erachtens nach, gar nicht mehr an dem Vermögen. Die Kleider, die sie trägt, die Schuhe, ihre Accessoires, bekommt sie von den großen Firmen geschenkt. Dies ist in kleinen Videos zu sehen, die die Familie regelmäßig postet. In ihnen packt ein Kardashian kunstvoll und liebevoll gepackte Päckchen aus, hält flüchtig eine handgeschriebene Grußkarte des entsprechenden Designers in die Kamera und nach dem Rascheln von Seidenpapier, erhascht der Zuschauer einen kurzen Blick auf das gute Stück. Nur so viel, um neugierig zu werden, nach dem nächsten aktuellen Foto Ausschau zu halten, um das Kleidungsstück in seiner ganzen Schönheit bewundern zu können. Dieses Glück habe ich nicht. Mir schickt niemand unaufgefordert und kostenfrei ein Paket. Wäre es so, wäre „Social Media“ dann auch Teil meines Berufes. Einige Blogger platzieren ihre Posts kalkuliert so, die Zahl ihrer Abonennten zu erhöhen, in der Hoffnung, irgendwann einen Werbedeal angeboten zu bekommen. Das ist ein Job. Dafür gibt es Ratgeber und Seminare. Ein neues Berufsfeld. Das Medium Instagram ist ein weiterer, wenn nicht viel wichtigerer Werbe-Kanal geworden als Print Medien oder Werbeclips im Fernsehen.

Aber zurück zur Kims Frage. Was sie an diesem Abend tragen würde, entschied sicherlich nicht ihre Tageslaune, sondern der Anlass, dem die Kleidung gerecht werden sollte. Wählt sie das Kleid wirklich passend für einen gemütlichen Kinoabend aus? Für eine Disco-Nacht? Oder für eine Geburtstagsfeier? Ich habe Kim schon in kurz über dem Schambereich endenden, knallengen Plastikkleidern gesehen, die sie zu einem Kindergeburtstag trug. Aber das mag eine Haltungsfrage sein.

Abgesehen davon, frage ich mich, ob Kim tatsächlich noch einen Überblick über alle ihre Kleider, Accessoires, ihren Schmuck hat? Entscheidet sie diese Dinge wirklich selbstbestimmt? Entscheidet ein Team für sie, ihre Styling-Berater?

Viele Menschen bewundern die Kardashian-Frauen. Kim hat allein auf Instagram 116 Millionen Abonnenten. Wären diese Abonnenten gerne so berühmt wie sie, so scheinbar sorgenfrei wie sie, so reich wie sie? Aber wie reich ist Kim Kardashian wirklich? Woran bemisst sich eigentlich Reichtum?

Ist Reichtum das, was wir in unserem Kleiderschrank haben? Das Auto vor unserer Haustür? Ist es die Summe der Dinge, die wir besitzen? Und besitzen wir die Dinge wirklich immer oder nur dann, wenn wir sie habhaft haben. Ich habe mir folgendes vorgestellt: durch einen glücklichen Zufall werde ich sehr reich. Ich nehme all das Geld und kaufe mir all die Dinge, von denen ich schon immer geträumt habe. Ich trage wunderbare Kleider und hervorragende Schuhe. Die Tasche meiner Träume hängt über meinen Schultern und in ihr all die Dinge, die ich für den Tag brauche: ein Telefon, mein Portmonee mit den Kreditkarten, die mir ermöglichen, diesen Reichtum immer wieder zu verdoppeln und anzuhäufen. Ich weiß, dass zu Hause ein köstliches Essen auf mich wartet, auf feinstem Porzellan serviert, das auf einem Designer-Tisch in der Designer-Küche steht. Doch dann bricht eine Naturkatastrophe aus oder über mir am Himmel sichte ich ein gigantisches Raumschiff, Aliens an Bord, die bereit sind, die Welt zu unterwerfen. Ich schaffe es nicht mehr zurück nach Hause, zu all meinen Reichtum. Ich habe nur noch das, was ich am Körper trage.

In den Kinder-Geschichten rund um die kleinen Trolle „Die Mumins“, der finnlandschwedischen Autorin und Künstlerin Tove Jansson, gibt es die Figur des Snufkin. In einer der Geschichten Janssons: „Komet im Mumintal“, spielt sich folgendes und meiner Überlegung ähnliches Szenario ab. Die Mumins und ihre Freunde sind auf der Flucht vor einem Komet, der droht auf die Erde zu stürzen und alles Leben auf ihr auszulöschen. Die Mumins fliehen Schutz suchend in einer Gruppe von Freunden und stellen sich die Frage, ob sie Dinge, z.B. Edelsteine, die sie unterwegs in einer Höhle finden, mitnehmen? Die Gruppe der Flüchtenden ist hin- und hergerissen. Von Mumin darauf angesprochen, sagt Snufkin sinngemäß: Mir gehört alles Schöne, solange ich es anschauen kann… tragen und mitnehmen will ich all dies nicht, denn ich habe lieber meine Hände frei.

Dinge und Schönheit, Kostbares in dem Moment zu besitzen, während meine Aufmerksamkeit auf ihnen weilt, welche eine erfüllende Vorstellung. Zudem erscheint mir diese Haltung sinnvoll, denn freie Hände können in der Not zupacken, mit anpacken, Hindernisse aus dem Weg räumen. Sie können ein Baby halten und wiegen, einen geliebten Menschen streicheln. Dies ist ein schönes Motto, das ich mir zu Herzen nehme. Allerdings habe ich auch eine andere Seite in mir. Eine Seite, die gerne Schönes besitzt, in greifbarer Nähe. Vielleicht auch ein bisschen mehr, als ich eigentlich bräuchte. Für mich ist ein Rucksack eine gute Alternative. In ihn passt etwas mehr als das nötigste, und auf den Rücken geschnallt, lässt er die Hände handlungsfrei.

In der Serie „The people vs. O.J. Simpson“ wurde Robert Kardashian als ein sehr kluger Mann dargestellt. Ein Mann, der sich viele Fragen stellte, der die Menschen genau anschaute und nicht vorschnell urteilte. Von der Schuldfrage O.J.s war er im Laufe des Prozesses zerrissen und Zweifel nagten an ihm. Er konnte später seinem Freund nicht mehr beistehen. Sein Verrat an der Freundschaft zu O.J. ließ ihn mit seiner Wertevorstellung ringen. Mir scheint es, er war ein Mann mit großem innerem Reichtum. Ich wünsche, dass seine Tochter Kim ebenfalls einen Reichtum in sich trägt und sich bei all den Fragen über ihre Kleiderwahl, ab und an ihn erinnert.

IMG_9460 (2).jpg

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s