Eure Kleider passen mir nicht mehr!

Letzten Samstag hielt ich mit meinem Auto am Schalterfenster eines Drive Inns. Ein junger Mann strahlte mir freundlich entgegen. Doch anstatt mir meine Pommes in der braunen Papiertüte entgegen zu reichen, erzählte er mir, wie schön das Wetter heute sei, dass er gleich Feierabend habe, wie köstlich die neue Sorte Milchshake doch schmecke. Zwischen seinen Aufzählungen verdächtig lange Pausen. Die Zeit, die dieser Vorgang in Anspruch nahm, verwirrte mich zusehends. Ich versuchte mit aufsteigender Wangenröte meinen Bauch nicht einzuziehen. Zum Teil geschmeichelt, zum Teil verwirrt und nicht sicher, ob dies nun wirklich ein Flirt war, lächelte ich ihm entgegen und sagte: Ich bin nicht Heidi Klum! Dann wünschte ich ihm einen schönen Feierabend und brauste davon. Als ich auf dem Parkplatz stand, kalte Pommes aus der Papiertüte klaubte und in meinen Mund schob, stellte ich fest, Heidi Klum, das bin ich wirklich nicht. Zwar ist sie im ungefähr gleichen Alter wie ich, Mutter von ungefähr genauso vielen Kindern wie ich, und geboren wurde sie nicht weit weg von dem Ort, an dem ich geboren worden bin. Das sind dann schon so ziemlich alle Ähnlichkeiten, die uns miteinander verbinden. Auch habe ich keinen Partner, der wesentlich jünger ist als ich. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass Heidi Klum auf einem Parkplatz im Auto sitzt und kalte Pommes isst. Dafür kann ich mir vorstellen, dass ich morgens viel länger schlafen kann als sie, wartet kein Personal-Trainer auf mich. Auch kann ich mit meiner Zeit wesentlich sinnvolleres anfangen als stundenlang beim Friseur oder einem Make-Up Artist zu sitzen oder mit der Anprobe der neusten Designer-Kleider zu verbringen.

Außerdem bin ich auch überhaupt nicht so der Kleidertyp. Vor einiger Zeit kaufte ich ein Kleid. Ich trug das Kleid als Tunika über einer Hose. Doch mit steigender Temperatur beschloss ich, es wäre Zeit für eine Strumpfhose. So betrat ich einen Laden, der ausschließlich auf den Verkauf von Strumpfhosen, Socken und Leggins spezialisiert ist. Ich blieb vor einer Strumpfhose mit der Bezeichnung „Total shaper“ stehen. Ihr Muster gefiel mir sehr gut. Zudem versprach sie einen Push-Up-Effekt. Mit einer jungen Verkäuferin schaute ich auf die Verpackung. Die Strumpfhose hatte die Größe L. L sollte laut des Koordinatensystems der Größentabelle perfekt passen. Mit einer Größe von 1,72 m und einem Gewicht von 74 Kilo, lag ich genau im Zentrum der grauen Quadrate. Einen Augenblick lang glaubte ich eurem Versprechen. An dem Morgen, als ich das Kleid zu einer Besprechung tragen wollte, packte ich die Strumpfhose aus und versuchte sie anzuziehen. Dieser Versuch endete knapp über meinen Knien. So sehr ich mich auch anstrengte, ich war nicht fähig, das Material zu dehnen. Das Höschen mit dem versprochenen Shape-Effekt war so eng, dass, falls ich es doch durch ein Wunder angezogen bekäme, ich nach wenigen Minuten aufgrund von Sauerstoffmangel kollabieren würde. Dabei hatte ich mich auf euch verlassen.

Keine Strumpfhose, keine weiteren Kleider. Obwohl mir die Werbestimme der IKEA Werbung, die genau so klingt, wie ich mir vorstelle, dass ein Hotdog Brötchen klingen würde, könnte es sprechen, mir eben durch das Radio versichert, dass die durchschnittlich rund 120 Kleider, die jede Frau besitzt, problemlos in den neuen Kleiderschrank passen würden, der ab heute zu kaufen sei. Für mich würde es in diesem Sommer keine neuen Kleider geben. Auch aus dem Grund, dass ich tatsächlich vergessen hatte, Ende Januar mit der Frühlings-Diät zu beginnen. Schaue ich auf die aktuellen Ausgaben der Frauenzeitschriften stelle ich fest, dass ich längst bei der Vorbereitung für die perfekte Bikinibräune sein müsste. Zum Glück ist es so, dass ich mich in all diesen Zeitschriften eh nicht mehr gespiegelt fühle. Da bin ich doch dankbar für die Werbung der Gesundheits-Schlappen, die in dieser Saison eine neue Schnalle haben, die mich wesentlich femininer aussehen lässt. Dazu noch ein neuer Essig-Booster-Shoot für den gesunden Glow aus dem Internet bestellt. Und falls der gesunde Glow auf den Wangen ausbleiben sollte, finde ich im lokalen Drogeriemarkt sicherlich 20 Highlighter Paletten, aus denen ich auswählen kann, um dann doch noch gesund auszusehen.

Manchmal bin ich wirklich gestresst von dem ganzen Schönheits-Druck. Ich möchte mich verweigern und gehe dann, symbolisch ein Zeichen des Protestes setzend, in eine Buchhandlung. Doch da kann mich zwischen dem Angebot der Titel überhaupt nicht entscheiden. Wird mir doch versprochen, nach dem Lesen der Lektüre, werde ich eine bessere Mutter, eine bessere Liebhaberin und überhaupt glücklicher. Und wenn man ersteinmal glücklich ist, wird doch eh alles besser, oder? Kurz verweilt mein Blick auf dem Buch „9 Tage wach“ von Erik Stehfest. Das könnte ich gut gebrauchen. Doch beim Lesen des Klappentextes stelle ich fest, dass es in dem Buch um die Drogenabhängigkeit des Schauspielers geht und wie er sie überwunden hat. Immerhin macht es mich glücklich, dass er es geschafft hat.

Also kein neues Buch. Vielleicht schaue ich heute Abend ein wenig fern, um einen Rest gekränkter Eitelkeit und die Frage, war ich für diese Strumpfhose nicht doch einfach zu dick, zu vergessen. Und aus Trotz schaue ich eine Backshow mit Enie van de Meiklokjes, die verspricht aus mir die perfekte Bäckerin zu machen, denn zum Glück kann ich fast die komplette Backausstattung, die es zur Perfektion braucht, bei einem deutschen Traditionsunternehmen erwerben.

Die ganzen Aufforderung, mein Leben und mich selbst zu optimieren und es in allen Bereichen zur Höchstleistung zu bringen, verärgert mich dann doch. Ganz klar will ich sagen: auch wenn ihr Tag für Tag versucht mich zu manipulieren, wenn ihr keine Gelegenheit auslasst, in mein Bewusstsein zu drängen, um mir zu suggerieren, dass ich verblasse, wenn ich mich nicht mit euren Farben schminke und eure Kleider trage, dass mein Leben eigentlich kein gutes Leben ist, wenn ich keine fleißige Konsumentin werde, sage ich an diesen Punkt STOPP.

Thomas Maier, Designer des italienischen Mode Labels Bottega Veneta, ein Konzern der jährlich fast 1,2 Milliarden Euro Umsatz erzielt, sagte in einem Interview der März Ausgabe der deutschen Vogue: „Die meisten Leute haben schon alles. Also müssen wir besser werden, damit sie unsere Produkte begehren.“

Ich sage Thomas Maier: „Eure Kleider passen mir nicht mehr“.

Ich habe mich entschieden, mich zu verweigern. Ich habe mich entschieden, mich nicht mehr für euer Begehren, immer mehr Geld zu verdienen, instrumentalisieren zu lassen. Nachhaltigkeit fängt bei mir selber an. Umweltschutz und Verantwortung fängt bei mir selber an. Ein selbstbestimmtes Leben zu führen, das kann nur ich aus mir heraus entscheiden. Wenn ich autonom und mir meiner Selbst bewusst bin. Ihr schafft es nicht mehr, mich zu verunsichern. Ich möchte kein Label tragen, das aus mir ein Luxusweib, einen Trendsetter, eine milf oder einen Best Ager macht. Ich habe mich entschlossen, mein eigenes Label zu sein.

Mit einem entschlossenen Seufzer greife ich nach der letzten kalten Pommes aus der Tüte. Sie schmeckt scheußlich. Ich genieße sie trotzdem, schon allein weil morgen um 6 Uhr kein Wecker klingelt, ich nicht in die Airbrush Sonnenteint Dusche muss und auch der Personaltrainer nicht auf mich wartet.

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