Jugend, gefährdet euch!

Ich bin Jahrgang 1972. Als ich 15 war, 1987, schickten mich meine Eltern an die Haustür, als die Menschen klopften, die die Volkszählung durchführten. Vor der Tür stand ein offiziell aussehender Mensch mit ernstem Blick und gescheiteltem Haar. Er hielt ein Klemmbrett in der Hand und auf seiner Stirn schimmerte ein dünner Schweißfilm. Ich öffnete und sagte: „Meine Eltern sind nicht da und ich weiß auch nicht, ob sie wiederkommen“. Als der Volkszähler fast das Gartentor erreicht hatte, rief ich leise aber selbstbewusst: „Big brother is watching you too“. Der Rückblick erfüllt mich mit einem ehrlichen Gefühl der Nostalgie. Ich frage mich, warum wir das Sammeln von Daten so unpersönlich gemacht und an Cambrige Analytica übergeben haben? Der junge Mensch hat sich über den Zusatzverdienst sicher auch sehr gefreut.

Im gleichen Sommer drückte mir ein anderer Erwachsener aus dem Bekanntenkreis meiner Eltern einen Zettel in die Hand. Auf ihm waren die Firmen gelistet, die zum Nestlé Konzern gehören und die wir ab heute boykottieren sollte. So stand ich verzweifelt im Supermarkt, meinen Jutebeutel mit dem pinkfarbenen Aufkleber mit weißem Feminismus-Symbol, um die Schulter und biss schuldbewusst in einen Kitkat-Riegel.

Schulstunden, ja ganze Schultage, ließ ich ausfallen, da ich mit meinen Klassenkameraden über den Irak-Krieg diskutieren musste. Tschernobyl versetzte mich in Angst und Schrecken und fesselte mich für einige Wochen ans Haus. Ich schrieb eine Entschuldigung, dass ich nicht in die Schule gehen könne, da ich mich vor der ausgetretenen Radioaktivität schützen müsse. Meine Mutter unterschrieb den Zettel mit Feuereifer.

Seit 2016 nun ruft Papst Franziskus die Jugend auf, rebellisch zu sein. 2010 brachte Stèphane Hessel ein Buch auf den Markt mit dem Titel: Empört euch! Wer hat es gelesen?Gehe ich heute durch die Straßen, frage ich mich: Wo ist die Jugend? Wo sind ihre Protestmärsche, ihre Verweigerung, ihr Aktionismus? Vereinzelt sehe ich junge Menschen, die Laptops in den Händen halten auf denen Tierquälerei zu sehen ist. An Demonstrationen gegen Rechtsradikalismus nehmen sie teil, auch wenn diese oft von Menschen meiner Generation organisiert sind. Wer marschiert für den Frieden? Wer gegen Waffenexporte, den Einsatz von Chemiewaffen, für oder gegen überhaupt irgendetwas? Wo sind die ganzen jungen Leute hin? Und warum sind sie so leise? Oder kann ich sie einfach nicht hören? Bewegen sie sich im digitalen Raum?

Natürlich habe ich keinen Zugang zu ihrer Lebenswirklichkeit. Das wäre ja auch noch schöner. Vor einiger Zeit ging ich durch ein Einkaufszentrum und in einem Geschäft, das sich als Zielgruppe junge Menschen ausgesucht hatte, sah ich ein weißes T-Shirt. Auf ihm aufgedruckt das Porträt des kolumbianischen Drogenbosses Pablo Escobar.

Verdutzt bleib ich stehen und erinnerte, dass im Pay-TV, eine Serie über ihn lief „Narcos“, die sein Leben und Wirken als menschenverachtender Drogen-Dealer und Mörder darstellt. Über die Aussage der Serie kann ich nicht mehr schreiben, da ich sie nicht gesehen habe. Ich fragte mich trotzdem, wer ein T-Shirt mit seinem Portrait, in Gold gedruckt, tatsächlich tragen würde? Und falls jemand dieses T-Shirt trägt, wäre dies eine Form der Rebellion? Eine zu der ich auf Anhieb keinen Zugang finde, weil ich sie nicht sofort durchschaue und verstehe? Wer sind die Helden für die jungen Menschen? Es freut mich, dass in Amerika, nach einer weiteren schrecklichen Amoktat eines Waffennarren, eine junge Frau für junge Menschen zum Helden geworden ist. Eine Schülerin, selbst betroffen, Überlebende des Amoklaufs an einer Schule in Florida.

Gibt es nichts mehr in der Welt, gegen das oder für das man protestieren könnte? Oder sind die Erwachsenen selber schuld? Erreicht ein Aufruf des Papstes überhaupt die Ohren der Jugendlichen, die seit ihrer Kindheit im westlichen Kapitalismus von ihren Eltern beschützt worden sind? Kinder, die gelernt haben, die Schule nicht zu schwänzen, da sie sonst zu viel Stoff verpassen würden, was zu einer Benachteiligung bei der späteren Berufswahl führen könnte.

Kinder, die von ihren Eltern zur Schule gefahren und auch wieder abgeholt werden, in SUVs, die ein Gefühl von Unantastbarkeit und Unverwundbarkeit vorgaukeln. Kinder, die auf Lebensmittelverpackungen die Liste der Zusatzstoffe lesen, den Zuckergehalt prüfen und überlegen, ob es in ihr Ernährungsprofil passt während sie abends „Das Supertalent“ auf RTL schauen, und ahnen, wenn nichts mehr klappt, kann man immer noch mit Pupsen berühmt werden.

Kinder, die ihre Daten freiwillig und mit großer Freude im Internet preisgeben. Kinder, die ihr Selbstwertgefühl aus der Anzahl der Likes ziehen. Deren Vorbilder ihnen so schön und unerreichbar von Instagram Accounts entgegenlächeln und die ihre Follower über eine App abstimmen lassen, ob Pizza oder Pasta die coolere Wahl für das Abendessen ist. Junge Menschen, die in Angsträumen erwachsen werden oder in, von Generation zu Generation übertragener Resignation und Hoffnungslosigkeit. Die mit ihren Eltern, bereits als Teenager müde und erschöpft im Hamsterrad von Arbeitslosigkeit und Überforderung strampeln müssen.

Ich halte die Augen auf und schaue, ob ich einen jungen Menschen in dem T-Shirt entdecke. Nach dem kurzen Augenblick der Selbstüberheblichkeit, alles besser zu wissen, und ein besserer Jugendlicher gewesen zu sein, würde ich dem Träger sagen: „Gefährdet euch doch selbst!“ Und im stillen darauf hoffen, dass der ein oder andere von ihnen doch einen Schutzraum durchbricht, auf eine Regel pfeift, zu den alten Leuten unhöflich wird und dadurch sensibel für Gefahr, die in der Welt lauert. Denn nur wenn man Gefahr erkennen kann, kann man überlegen, wie man sich ihr entgegen stellt.

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