A Week in a Bliss Pack

In der letzten Zeit quält mich eine nicht genau zu definierende Unruhe. Mitten in der Nacht wache ich auf und finde nicht mehr zurück in den Schlaf. Dann dreht sich das Gedankenkarussell und zeitgleich das Dementi aller negativen Ideen und Bilder, die aus meinem Unterbewusstsein hervorsprudeln. Dabei vermeide ich es schon, noch vor dem Schlafengehen Nachrichten zu lesen.

Die Medien verstärken mit schrecklichen Bildern die Unruhe, das Gefühl der Ohnmacht. Doch das subtile Gefühle einer allgegenwärtigen Angst bohrt sich in mich hinein. Und dann denke ich an meine Kinder, die nebenan in ihren Betten schlafen und ich wünsche mir nichts sehnlicher, als unbekümmerte Träume für sie. Doch genau in diesem Moment, wird die subtile Angst real. In der Nacht fast greifbar. Dann kann ich mich nicht mehr wehren, dann muss ich aus diesem Zustand fliehen, weil er mich sonst endgültig lähmt und ich suche nach einem Ausweg.

Wenn die Krimis, die ich lese, und die Serien, die ich auf Netflix schauen nicht mehr reichen mich abzulenken, gehe ich in die Stadt und kaufe ein. Genauer gesagt, ich shoppe. Ich brauche etwas Leichtes, Unbeschwertes, Süßes, das mich für einen Augenblick aus meiner Lähmung befreit. Ein kleines bisschen Glück, ist das was ich mir wünsche.

So landete ich in der Stadt in einer große Parfümerie auf der Suche nach einem Duft für ein neue Facette meines Ichs für den Herbst. Schnell kam ich in die Abteilung für Pflege und stand vor dem reichhaltigen Angebot der Gesichtsmasken. Ein ganzes Regal voll. Tuchmasken, die Wohltat und Schönheit versprechen, in farbige bunte Tüten verpackt, mit Blumen oder lustigen Tiergesichtern als Aufdruck. Lächelnd kniete ich mich hin um das Sortiment genauer anschauen zu können.

Eine farbenfrohe Packung stach mir besonders ins Auge. Gefüllt mit Masken für eine komplette Woche. Jeden Tag eine andere Wohltat, versprochen durch die Wirksamkeit einer exotischen und exklusiven Zutat. Auf der Packung das Versprechen: a week in a bliss pack – Glück für eine ganze Woche? Was wünschte ich mir mehr? Was brauchte ich dringender als die Aussicht die nächtliche Tristesse zu vergessen?

Ich nahm die Packung in die Hände, schaute genauer hin, und fiel in Bewegungslosigkeit. Auf der Packung stand Korean skin care rituals. Und ich erinnerte mich an all die Artikel, die ich in Modezeitschriften gelesen habe, in denen berichtet wurde wie die Koreanerinnen aufwändig und voller Hingabe ihre Haut, ihren Körper, ihre Schönheit pflegen.

Korea! In diesem Fall Südkorea- es ist wichtig, dies zu unterscheiden. Diese Menschen, diese Frauen, die dies tun, leben in direkter Nähe zu einem Land, das in einen schrecklichen Konflikt verwickelt ist. Ganz nahe an der Realwerdung einer Bedrohung, deren Außmaße wir nicht wirklich erfassen können. Täten wir es, müssten wir uns auf den Straßen und vor den Regierungsbehörden die Lunge aus dem Hals brüllen. Ich drehte die Packung um und las, dass die Masken gar nicht aus Korea kommen, sondern aus Deutschland. Macht es das besser? Mindert es in diesem Augenblick die Gewissheit, dass es einfach kein Entkommen gibt vor der Angst?

Ganz im Gegenteil, es schien mir eine Aufforderung zu sein, mich zu hinterfragen. Was konnte ich tun? Mein Leben in Deutschland, mein Handeln, die Art, wie ich mit meinen Mitmenschen, der Umwelt, der Natur umgehen – ist dies auch ein kleines Rädchen in den Konflikten in der Welt?

Meine Entscheidung, mit taktischen Ablenkungsmanövern meiner Angst davonzulaufen, trägt dies nicht ursächlich zum Entstehen meiner Ängste bei? Wie weit reicht meine Verantwortung? Kann ich etwas anderes tun, um die nächtlichen Schreckgespenster los zu werden?

Ich kaufte die Packung trotzdem. Heute Morgen nahm ich die erste Maske, für den ersten Tag. In den 15 Minuten Einwirkzeit dachte ich an die Menschen in Korea. Ich wünsche Ihnen mit all meiner Kraft, eine weitere Woche voller Glück. Und vielleicht denke ich in der nächsten Nacht darüber nach, was ich tun kann – nicht gegen die Angst, sondern gegen die Konflikte auf der Welt.

 

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