Von wegen alte Tanten

In diesem Sommer, kurz bevor wir in den gemeinsamen Familien-Urlaub auf eine holländische Insel aufbrachen, berichtete mir mein Mann, dass er eine Tante habe, die auf eben jener Insel ein Ferienhaus besitzt.

Erstaunlich, quälte ich mich doch nun im bereits 6. Jahr auf besagter Insel auf einer Schaumstoffmatratze auf einem Zeltplatz. Ich fühlte mich eigentlich schon viel zu alt für die Herausforderungen eines gemeinsamen Familienzelturlaubs. Aber der Kinder zuliebe…

Wir fassten den Entschluss, die Tante zu besuchen. Mein Mann erzählte, die Tante müsse nun ungefähr 80 Jahre alt sein und in Deutschland lebe sie auf einem großen Hof, in einer Art von Schloss, mit Gärten und Platz fürs Sportflugzeug. Die Kinder lauschten den abendlichen Erzählungen im Zelt mit staunenden Augen. Ich konnte förmlich dabei zusehen, wie sich vor ihrem geistigen Auge die Tante manifestierte.

Natürlich war sie weißhaarig. Sie hielt eine filigrane, mit zartem Blütenmuster in lavendelblau bemalte Teetasse in den Händen. Den kleinen Finger der beringten Hand abgespreizt. Aus der Tasse stieg feiner Earl-Grey Geruch auf. Wenn sie ging, dann mit Hilfe eines Krückstocks. Ein langsames, sanftes Schreiten. Sie hatte einen kleinen Hund mit Samthalsband, der zu oft zu laut laut bellte. Aber da sie meist das Hörgerät ausgeschaltet hatte, war dies das geringste Problem. Nur verstand sie ihre Gesellschafterin, eine mittelalte, unverheiratete und kinderlose Frau nicht immer gleich und trank lieber schnell das Glas Kirschlikör aus.

Der Tag des Treffens rückte näher. Wir versuchten den Kindern einzutrichtern, dass sie nicht das Wort „Erbtante“ sagen sollten. Auf dem Zeltplatz klang es noch lustig, könnte aber schnell zu Familienzerwürfnissen führen. Wir schnappten unsere Räder, ich in diesem Jahr das mit Elektrostarthilfe, und fuhren los.

Die Kinder schauten ein wenig enttäuscht, als sie feststellten, dass das Haus doch recht überschaubar war und in einem verwilderten Garten mit Scheune und Kletterbaum stand. Zudem öffnete keine mittelalte, unverheiratete Frau die Gartentür, sondern eine Freundin der Tante, nahezu im gleichen Alter, Miteigentümerin des Hauses.

Die Freundin schien in keinster Weise gebrechlich. Ihr leuchtend rotes Haar hatte sie zu einem Zopf zusammen gebunden. Ihren schlanken Körper umhüllte ein enges T-Shirtkleid einer französischen Sportmarke, dessen tiefblaue Farbe gekonnt den Bronzeton ihrer Haut zum Leuchten brachte. Fröhlich lachend empfing sie uns. Entschuldigte, dass sie nur ein paar Kekse und Wasser aus dem Kran für uns hätte. In der Thermoskanne dürfte sich allerdings noch ein Rest Kaffee vom Frühstück befinden.

Und dann kam die Tante. Wie zu befürchten, nicht auf einem Krückstock. Mit blitzblauen Augen, einem strahlenden breiten Lachen, weißen Ponyfransen, die unter einer Schirmmütze hervorlugten. Die Tante setzte sich zu uns lässig in einen Korbsessel. Französisches Flair brandete auf. Unter dem Pullover, den sie locker um die Schultern gelegt hatte, blitzte der Spaghettiträger eines spitzenbesetzten Seidentops auf. Nach einem gemütlichen Beisammensein, beschlossen wir mit den Fahrrädern zum Strand zu fahren. Ich setzte mich auf mein Elektrobike und schaltete den Motor auf Stufe 5. Die Tante und ihre Freundin fuhren ohne Batterieantrieb entspannt voraus. Am Strand angekommen, machten wir einen gut einstündigen Spaziergang. Mit nackten Füßen durch die Wellen.

In mir leuchtete alarmrot nur ein Gedanke auf: Was, wenn die beiden Frauen nun auf die Idee kommen würden, in der Nordsee eine Runde zu schwimmen? Ich würde komplett mein Gesicht verlieren. „Tanzen musst du“, sagten sie zu mir. „Immer tanzen.“ Dabei lachten sie und bestellten an der Strandbude Eis am Stiel. Die hatten gut reden, die Tante leitete eine wöchentliche Improvisationstanzgruppe und ihre Freundin war Yoga-Lehrerin und gab Kurse für die VHS.

Völlig erschöpft, nach der Heimfahrt mit Gegenwind, lag ich im Zelt und massierte meine schmerzenden Oberschenkel. „Etwas muss sich ändern!“, beschloss ich und sah mich in Spitzenunterwäsche über den Strand tanzen.

Zurück aus dem Urlaub ging ich auf schnellstem Weg in ein Unterwäschefachgeschäft. Es sollte ein Seidenunterhemd mit Spitzenbesatz sein. Vertrauensvoll wandte ich mich an eine Verkäuferin. Ich erklärte ihr, was ich suchte. Daraufhin zeigte sie mir verschiedene Modelle und erklärte freudig, dass es zu den einzelnen Hemdchen auch passende BHs gäbe. Ich sagte, dass ich das Hemdchen gern ohne BH tragen würde. Was auch eigentlich möglich ist, da die körperlichen Voraussetzungen dafür gegeben sind. Sie hielt inne, zog eine Augenbraue in die Höhe und sah mich entsetzt an.

Dann ging sie zu einem Schrank, zog die Schublade auf und gab mir ein weißes Sportunterhemd aus Baumwolle. „Mit Brustunterstützung“, sagte sie und zeigte stolz auf das eingesteppte Gummiband. Ihre wissende Stimme klang nahezu hypnotisch. Ihr wohlwollender Blick, nur ganz knapp am Tadel vorbei, ließ mich kapitulieren. Ich war feige. Ich fuhr ein Rad mit Elektromotor – auf einer holländischen Insel! Ich erzählte ihr nichts davon, dass ich nackt im Meer schwimmen wollte, wild tanzen, so als würde niemand zuschauen. Ich erzählte nichts von Yoga im Mondschein und Plänen für ein entspanntes und selbstbewusstes Älterwerden. Ich bezahlte das weiße Unterhemd, vergrub es tief in meiner Tasche und musste mir eingestehen, dass ich einfach noch nicht alt genug war, um vernünftigen Argumenten zu widersprechen.

Unknown

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