Das schlechte Gewissen aus der Schachtel

Heute fühlte ich mich wie ein Rebell. Mit einem Karamell-Frapucciono in einem Plastikbecher mit meinem echten Namen darauf geschrieben durch die prall gefüllte Fußgängerzone einer deutschen Großstadt. Ich wollte heute gar nicht wissen, was die mir da in meinen Becher tun – dieses durchsichtige Zeugs aus den 5-Liter Pumpkanistern. Heute war wieder ein Tag, den ich gegen meine guten Vorsätze verloren hatte. Ein Tag über den ich morgen sagen werde: Ich habe es nicht geschafft der gute Mensch zu sein, der ich eigentlich sein will. Manchmal muss ich mich geschlagen geben. Wie vor einigen Wochen. Da entdeckte ich auf Facebook diese Werbeanzeige: eine kleine Schachtel wurde in ihr angepriesen, rund 580 Kilometer aus der Stadt der Liebe zu mir gebracht ohne Mühe, ohne Vergessen, als praktisches Abo. Liebevoll und sorgsam für mich zusammengestellt und gepackt und mit Küssen und dem Duft von Macarons direkt zu mir in die Kleinstadt geliefert. Welch ein Wahnsinn in meiner Öko-Bilanz. Welch ein Irrsinn – ein Verrat des guten Vorsatzes lokal statt global zu agieren. Den Konsum generell zu minimieren. Aber diese Schachteln waren so schön anzusehen und ich könnte sie alle so gut gebrauchen für die Dinge, die ich nicht kaufen wollte. Und Ordnung halten ist ein guter Vorsatz, nicht in dem Sinne von „Dinge in Schubladen stecken“, sondern als echtes Aufräumen im Chaos des Alltags.

Ich fieberte der Ankunft meiner ersten Schachtel entgegen. Der Absender verriet, sie kam gar nicht aus der Weltstadt der Liebe, sondern eigentlich von nicht so weit weg. Als ich ein Kind war, da dachte ich, in der Packung der Knack und Back Backwaren steckt wirklich so ein kleiner weicher weißer Teigmann mit Backmütze- das hatte ich in der Werbung im Fernsehen gesehen, vor fast 40 Jahren. Bis meine Mutter eine Packung kaufte und an der Arbeitsplattenkante aufschlug und es kam kein fröhliches Männchen heraus gepurzelt. Glückwunsch! Das Gefühl der Enttäuschung schafft locker gute 40 Jahre konstant zu bleiben. Aber, zumindest ein nicht ganz so schweres Gewicht in Sachen Klimabilanz. Ich öffnete die Schachtel und es war eine „Freitagnacht-Party-Überraschung“. Nun, als arbeitende Mutter kleiner Kinder nicht so ganz mein Thema. Vielleicht kennen mich die, die meine Schachtel packen, auch einfach noch nicht so gut und das wird im Laufe der Monate besser. Dann gab es Proben in Säckchen und Päckchen und Kärtchen und Glas-Untersetzer, das ist gut. Ich hatte bisher keine Glasuntersetzer, ich dachte, seit den 80er Jahren gibt es sowas gar nicht mehr. Aber Untersetzer schonen die Tische und die Gläser und minimieren den Putzaufwand mit giftigem Glasreiniger und das schont schließlich die Umwelt. Und wenn man das heutzutage für eine gelungene Partynacht braucht, so what? In der Schachtel war auch eine sehr schöne kleinere Schachtel mit einer BH-Fliege. Ich weiß nicht wie man eine BH-Schleife trägt, aber ich nutze diese Gelegenheit meine Allgemeinbildung zu erweitern und wer weiß, wozu diese Schleife einmal gut sein wird. Sie hat eine schöne Schlaufe und ich könnte sie an irgendetwas befestigen, in 6 Monaten ist Weihnachten.

Die erste Schachtel kann einfach noch nicht wirklich perfekt sein, das erhöht nur die Vorfreude auf die zweite Schachtel. Und in den 30 Tagen zwischen den Schachteln versuche ich wieder besser zu sein: klimafreundlich und weniger und bewusster und nachhaltiger und besonders lokaler und wenn ich dann über all die täglich Anstrengung, alles erfüllen zu müssen, müde geworden bin, dann kommt die zweite Schachtel und ich ignoriere einfach das Absenderetikett und fühle mich wie vor 40 Jahren an der Arbeitsplattenkante stehend und hoffe, die auf der anderen Seite haben sich auch mehr Mühe gegeben und wirklich an mich gedacht, als sie meine Schachtel gepackt haben. Und wenn die dort meinen, ich brauche eine Freitagnacht: dann nehme ich die Herausforderung einfach mal an.

 

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